Stimmt es, ....

dass in der französischen Aromatherapie ätherische Öle auch als Kapseln genommen werden?

 

Ja, es stimmt! Und tatsächlich ist die innere Einnahme ätherischer Öle ein Spezialgebiet der sogenannten französischen wissenschaftlich-medizinischen Aromatherapie und wird dort seit Jahrzehnten mit oftmals erstaunlichen Ergebnissen praktiziert.

Aber: die innere Einnahme ätherischer Öle für medizinische Zwecke erfordert Fachwissen, damit keine unerwünschten Wirkungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten oder (im schlimmsten Fall) gar Organschäden auftreten. Dieses Fachwissen wird in der französischen, wissenschaftlichen Aromatherapie vermittelt.

In der sogenannten deutschen Aromatherapie wird die innere Einnahme ätherischer Öle nicht oder nur am Rand gelehrt. Ganz fremd ist sie hierzulande jedoch auch nicht. So gibt es beispielsweise in Apotheken Kapseln mit ätherischen Ölen als pflanzliche Medikamente zu kaufen. Bekannte Beispiele wären Gelomyrtol oder Lasea.

 

Werden ätherische Öle in der frz. Aromatherapie immer als Kapseln benutzt?

Nein - nur wenn es notwendig und sicher ist. 

Die fachkundige Verwendung ätherischer Öle auf dem oralen Weg ist bei manchen Beschwerden sehr sinnvoll oder sogar notwendig. Dazu zählen zum Beispiel Darmdysbiosen, Darmparasiten,  schwere Infekte, die Verhinderung von möglichen Resistenzen (z. B. begleitend zu schulmedizinischen Antibiotika) und mehr.

Viele Beschwerden erfordern keine innere Einnahme. Und dann gibt es Fälle, bei denen einen orale Einnahme eigentlich sinnvoll wäre, aber aufgrund der gegebenen Umstände (z. B. Vorerkrankungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten oder Verfassung der Person) nicht möglich ist. Gut, dass die franz. Aromatherapie nicht auf die Verwendung von Kapseln beschränkt ist.

 

Kann man sich mit ätherischen Öl-Kapseln selbst behandeln?

Eher nein. Am besten sollte man dabei von einem in der französischen Aromatherapie geschulten  Arzt oder Heilpraktiker beraten werden. Für eine kurzzeitige Einnahme ätherischer Öle - wenn keine Vorerkrankungen vorliegen, keine Schwangerschaft, keine Stillzeit, und wenn keine Medikamente genommen werden - könnte man auch Fachbücher mit bereits formulierten Rezepten und Anleitungen hinzuziehen. Ich kenne jedoch noch kein Buch, das auf deutsch erschienen ist, das ich dir hier empfehlen könnte. 

(Mein eigenes Buch vermittelt wichtiges Grundlagenwissen und geht auch ausgiebig auf die französische Aromatherapie ein, aber es ist kein medizinischer Ratgeber und enthält somit keine Rezepte für eine orale Einnahme. Nichtsdestoweniger ist das Buch eine Fundgrube an Informationen und praktischen Inspirationen).

 

Vorsicht vor riskanten Ratschlägen

Mit den Ratschlägen, die manchmal auf Social Media kursieren, ätherische Öle doch einfach in Kapseln zu füllen und zu schlucken, um sich besser zu fühlen, hat die französische Aromatherapie nichts zu tun! 

 

Ein konkretes Beispiel

Vielleicht ist dir auch schon mal der Tipp auf Social Media, Videos o. ä. begegnet, ätherisches Oreganoöl in Kapseln innerlich zu nehmen. Die positiven Eigenschaften von Oreganoöl werden dabei immer in den Vordergrund gestellt. Und ja, es hat stark antiinfektiöse Eigenschaften. ABER wird einem bei diesen Tipps auch gesagt...

  • dass ätherisches Oreganoöl dermokaustisch ist, immer zuerst in Pflanzenöl verdünnt werden muss, bevor es in die Kapseln gegeben werden darf?
  • dass solche Kapseln nicht auf leerem Magen genommen werden sollten, damit das ätherische Öl zusätzlich noch mal mit der Speise im Magen verdünnt wird?
  • dass ätherisches Oreganoöl als lebertoxisch bekannt ist und eine Einnahme daher auf 10 Tage begrenzt sein sollte? Französische Aromatherapeuten würden daher stets leberschützende Maßnahmen empfehlen an den Tagen, an denen Oreganoöl genommen wird (entweder in Form leberschützender ätherischer Öle oder entsprechender Heiltees). Es gibt mittlerweile zwar auch Studien, die auf eine potentiell leberschützende Eigenschaft von Cavacrol (einem wichtigen Molekül vo Oreganoöl) verweisen. Bislang sind mir jedoch noch keine offiziellen Informationen bekannt, die das lebertoxische Risiko von Oreganoöl aufheben würden.
  • dass eine längerfristige Einnahme von Oreganoöl die Darmflora schädigen kann?
  • dass Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen (z. B. Magengeschwüre oder Leberinsuffizienz) kein ätherisches Oreganoöl innerlich nehmen dürfen ohne Rücksprache mit einem entsprechend geschulten Arzt?
  • Dasselbe gilt bei Medikamenteneinnahme, da Wechselwirkungen zwischen dem ätherischen Öl und bestimmten Medikamenten nicht ganz auszuschließen sind.
  • dass ätherisches Oreganoöl bei Kindern, Schwangern und Stillenden kontraindiziert ist?
  • dass es verschiedene ätherische Oreganoöle gibt, z. B. Origanum compactum, Origanum vulgare und Origanum vulgare ssp. kaliteri ? Zwischen diesen drei Ölen besteht ein erheblicher Unterschied, es ist also sehr wichtig, zu wissen, welches Oreganoöl überhaupt gemeint ist. Jedes dieser drei ätherischen Öle hat eine andere biochemische Zusammensetzung und daraus resultierend auch andere Risikoprofile!

An diesem Beispiel siehst du auch gut die Tragik bei vielen der wunderbar klingenden Tipps, die im Internet kursieren - sie geben den Menschen nicht das notwendige Wissen, damit die Umsetzung dieser Tipps sicher wäre. 

Denke daran: Ätherische Öle unterscheiden sich in einem Punkt maßgeblich von allen anderen Naturprodukten: es sind hochkonzentrierte Stoffe. Und es ist diese hohe Konzentration, welche ihnen eine solche Wirksamkeit verleiht. Aber diese hohe Konzentration bedeutet gleichzeitig auch, dass unerwünschte Wirkungen eintreten können. Man sollte nie leichtfertig mit ätherischen Ölen umgehen. 
Ein anschauliches Beispiel, welche Mengen von Oreganoblätter für 1 Tropfen ätherisches Oreganoöl benötigt werden, siehst du hier in diesem Video von Sela mit Eliane Zimmermann.

 

Ist die innere Einnahme ätherischer Öle also zu riskant?

Jein. Wie schon geschrieben: wenn man ätherische Öle mit entsprechendem Fachwissen einsetzt, können sie sich als erstaunlich wirkungsvoll erweisen, aber gleichzeitig auch erstaunlich sanft zum Körper. Neben ihren antiinfektiösen Eigenschaften können sie das Immunsystem stärken und Selbstheilungsprozesse des Körpers ankurbeln.  Verwendet man ätherische Öle jedoch ohne das dafür notwendige Wissen, kann es zu unerwünschten Wirkungen oder sogar Schädigungen kommen.

Was das Risiko ätherischer Öle angeht, so ist es nicht möglich, pauschale Aussagen zu treffen, denn jedes einzelne ätherische Öl enthält andere Moleküle, verhält sich anders auf den bzw. im Organismus und hat andere Eigenschaften sowie andere Risikoprofile. Es macht beispielsweise einen Riesenunterschied, ob man von Zitrone oder Zitroneneukalyptus redet, von Kardamom oder Kiefer, von Thymian ct. thymol oder Thymian ct. linalool, von Lavendel oder Schopflavendel, von Zeder oder Zimt, von Rosmarin ct. verbenon oder Rosmarin ct. campher, von Salbei oder Muskatellersalbei, von Origanum vulgare oder Origanum kaliteri...

Einige der hier genannten ätherischen Öle sind überhaupt nicht für eine innere Einnahme geeignet (würdest du sie erkennen??), während andere ätherische Öle sogar verdauungsfördernd sind. Einige ätherische Öle dürfen grundsätzlich nur ganz kurzfristig verwendet werden, andere können auch längerfristig (mit den notwendigen Therapiefenstern, d. h. Pausentagen) verwendet werden.

Darüber hinaus muss  immer die Verfassung, mögliche Vorerkrankungen u. ä. der Person, die sie einnehmen möchte, berücksichtigt werden. Ich würde zusammenfassend sagen: 

Ätherische Öle sind nicht per se riskant, aber sie erfordern umfangreiches Fachwissen. Dies ist besonders (aber nicht nur) bei der inneren Einnahme der Fall. 

 

Es werden inzwischen auch Nahrungsergänzungsmittel mit ätherischen Ölen als Kapseln angeboten. Wie sinnvoll ist das?

Prinzipiell eignen sich ätherische Öle ja sehr gut, um das Wohlbefinden zu steigern - solange man sie fachkundig einsetzt. Für die Steigerung des Wohlbefindens sind andere Anwendungsformen jedoch gewöhnlich besser geeignet. Man darf nicht vergessen: Selbst wenn ein ätherisches Öl nur eingeatmet oder nur auf der Haut angewandt wird, gelangen die ätherischen Moleküle in den Blutkreislauf und den Organismus. Der orale Anwendungsweg (d. h. Kapseln), damit ätherische Öle innerlich wirken können, ist in vielen Fällen gar nicht notwendig.

Ätherische Öle enthalten weder Vitamine noch wertvolle Fettsäuren noch Mineralstoffe. Aus diesen Gründen wäre es meiner Ansicht nach falsch, ätherische Öle Nahrungsergänzungsmitteln gleichsetzen zu wollen. 

Während man Nahrungsergänzungsmittel gewöhnlich täglich über einen längeren Zeitraum einnehmen kann, eignen sich ätherische Öle grundsätzlich nicht für eine tagtägliche Einnahme (nicht einmal in der französischen Aromatherapie würden ätherische Öle ohne feste Pausentage eingenommen werden!). 

Es muss bei einer inneren Einnahme ätherischer Öle immer auch auf mögliche Kontraindikationen oder Wechselwirkungen geachtet werden - und dieser Punkt steht bei Nahrungsergänzungsmitteln oft nicht dabei: hat die Person, welche ätherische Öle innerlich nehmen möchte, eine intakte Leber und Gallenblase? Hat sie eine sensible Magenschleimhaut? Nimmt sie regelmäßig Medikamente? Wie lange ist die Einnahme sinnvoll, möglich und sicher? Usw.

Du siehst: Auch dies sind Punkte, weshalb eine persönliche Beratung bei einem entsprechend geschulten Aromatherapeuten sinnvoll und notwendig wäre.

Übrigens:  Im Alltag kann man auch einfach die natürliche, ursprüngliche und nicht-konzentrierte Form der ätherischen Öle verwenden. Ätherische Moleküle nimmst du nämlich auch zu dir, wenn du Zwiebeln oder Ingwer, frischen Basilikum oder Rosmarin, Kurkuma, Zitronen oder Orangen isst. Man braucht nicht immer zu Kapseln greifen!

Weitere Infos über die französische Aromatherapie und über die verschiedenen anderen Anwendungswege findest du in meinem "Reiseführer in die Welt der ätherischen Öle":

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