VErdünnen - muss das eigentlich sein?
Und wenn ja, warum?
Das Thema "Verdünnung" erscheint recht kontrovers:
- Während die deutsche Richtung der Aromatherapie nur eine hochverdünnte Anwendung ätherischer Öle empfiehlt (d.h. in der Regel nur 0,5 bis 2 Prozent ätherische Öle im Fertigprodukt),
- findet man im Internet und bei Social Media immer wieder Ratschläge, ätherische Öle doch einfach pur zu verwenden.
- Und dann gibt es noch die sogenannte französische Aromatherapie, welche ätherische Öle mitunter wesentlich höher konzentriert anwendet, als es in Deutschland die Regel ist, aber welche sich gleichzeitig klar von leichtfertigen und fahrlässigen Umgängen mit ätherischen Ölen distanziert.
Diese verschiedenen Empfehlungen können ganz schön verwirren. Was ist denn nun richtig? In diesem Artikel versuche ich dir, die wichtigsten Fragen zu beantworten.
Die einfachste, schnellste Antwort wäre:
Ätherische Öle müssen, bis auf wenige Ausnahmen, grundsätzlich mit fetten Pflanzenölen verdünnt werden. Reicht dir das als Antwort? Ich kann mir vorstellen, dass du mehr Erklärungen wünschst. Falls ja - hier kommt der Versuch einer ausführlicheren Antwort.
Zunächst einmal die Frage, ob die Verdünnung etwas mit der Qualität der verwendeten ätherischen Öle zu tun hat:
Muss man ätherischer Öle auch dann verdünnen, wenn sie eine hervorragende Qualität haben?
Ätherische Öle sind hochkonzentrierte pflanzliche Substanzen. Das gilt für alle ätherischen Öle, selbst für diejenigen, die eine hervorragende Qualität haben. Und es ist diese hohe Konzentration, welche eine Verdünnung in Pflanzenöl (Trägeröl) bis auf punktuelle Ausnahmen erforderlich macht.
Wenn ich von ätherischen Ölen schreibe, beziehe ich mich immer auf 100 Prozent naturreine ätherische Öle in Bioqualität oder Wildwuchs. Wann immer du bei mir von ätherischen Ölen liest, sind also ätherische Öle in bestmöglicher Qualität gemeint. Synthetische, naturidentische ätherische Öle, Duftöle und gepanschte billige Öle besitzen unkalkulierbare Risiken. Von der Verwendung solcher Öle rate ich grundsätzlich ab.
Aber warum genau sollte man ätherische Öle denn verdünnen?
Neben der hohen Konzentration gibt es noch weitere Gründe, weshalb eine Verdünnung wichtig ist.
1. Sehr viele ätherische Öle sind hautreizend, manche sogar dermokaustisch (d.h. sehr stark hatureizend bis hin zu möglicherweise hautätzend). Diese ätherischen Öle dürfen grundsätzlich nicht ohne Verdünnung in Pflanzenöl (Trägeröl) angewandt werden, da es sonst zu einer schmerzhaften Reizung oder Hautverbrennung führen könnte.
2. An manchen Körperstellen / bei manchen Menschen ist die Haut sensibler; hier können selbst diejenigen ätherische Öle, die als nicht hautreizend bekannt sind, zu einer Hautreaktion führen, wenn sie nicht ausreichend verdünnt sind. Ein Beispiel dafür wäre das Gesicht oder die grundsätzlich viel sensiblere Haut von Kindern.
3. Wenn die Haut entzündet ist, z. B. bei Neurodermitis, können ätherische Öle - sogar diejenigen, die als gut hautverträglich bekannt sind - aufgrund ihrer hohen Konzentration zu einer Verschlimmerung der Symptome führen.
4. Unverdünnt gelangen ätherische Öle innerhalb von Sekunden (!) durch die Hautschichten in den Körper und verteilen sich im Organismus mit dem Blutkreislauf. Verwendet man ätherische Öle auf fahrlässige Weise (d. h. ohne Kenntnis der Eigenschaften und Risiken eines jeden ätherischen Öles und ohne Berücksichtigung der individuellen Umstände der Person, bei der sie angewandt werden), können sie unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Eine Verdünnung mit Pflanzenöl verlangsamt die ätherischen Moleküle beim "Eindringen" in den Körper und kann unerwünschte Nebenwirkungen abfedern.
Welche unerwünschte Wirkungen das sind, hängt ganz von den verwendeten ätherischen Ölen ab. Ein Beispiel wären z. B. Hautschäden durch das Auftragen von photosensitiven (phototoxischen) ätherischen Ölen wie Bergamotte, Limette oder Grapefruit. Würde man auch nur 1 Tropfen äÖ Bergamotte pur (oder unzureichend verdünnt!) auf die Haut geben und in den folgenden 12 Stunden diese Hautzone Sonnen- oder UV-Licht aussetzen, kann eine lichtbedingte Reaktion die Folge sein: die Hautstelle könnte sich für lange Zeit verfärben, es könnte sogar zu einer ernsten, schmerzhaften Hautverbrennung mit Blasenbildung und Hautschäden kommen. (Was photosensitive ätherische Öle sind und was es hier zu beachten gibt, erfährst du in meinem Buch).
Auch allergische Reaktionen (allergische Kontaktdermatitis) sind bei ätherischen Ölen möglich; das Risiko dafür steigt, wenn diese pur bzw. nicht ausreichend verdünnt oder in übermäßiger Weise verwendet werden.
Wer glaubt, dass hier übertreiben würde: Das Tisserand Institut führt eine Datenbank mit unerwünschten Wirkungen durch ätherische Öle - hier gibt es auch Fotos zu möglichen Hautschädigungen. Du findest die Seite, wenn du "Adverse Reaction Database" und "Tisserand Institute" in die Internetsuche eingibst.
Bedeutet das also, dass es nicht möglich ist, ätherische Öle auch pur zu verwenden?
Doch, es ist mit einigen ätherischen Ölen kurzzeitig möglich, aber nur mit dem notwendigen Fachwissen, welches verschiedene Aspekte berücksichtigt. Wenn du eine genauere Antwort auf diese Frage möchtest, kannst du im verlinkten Artikel mehr erfahren:
Kann man ätherische Öle mit Wasser, Saft, Sahne oder Milch verdünnen?
Nein! Wenn du etwas Olivenöl in ein Glas Wasser gibst, wird das Olivenöl oben auf dem Wasser schwimmen. Du kannst die Flüssigkeiten umrühren, trotzdem werden die Olivenöltropfen sich nicht mit dem Wasser vermischen. Genauso verhält es sich mit ätherischen Ölen: Sie lassen sich sehr gut in pflanzlichem Öl (sogenanntes Trägeröl) verdünnen, aber nicht mit Wasser oder wässrigen Flüssigkeiten.
Saft, Sahne oder Milch sind keine 100 % ausreichenden Emulgatoren (d.h. sie helfen dem Öl nicht, sich komplett mit Wasser zu vermischen). Sie können ein potentiell hautreizendes Risiko also nicht verhindern. In meinem Buch findest du einen spannenden Selbstversuch, den ich dazu durchführte und fotografierte.
Wie kann man ätherische Öle also verdünnen?
Im Grunde mit allen fetten Pflanzenölen: Arganöl, Aprikosenkernöl und Traubenkernöl, Jojobaöl, Mandelöl, Kokosöl, Makadamiaöl, Wildrosenöl, Johanneskrautöl (-mazerat), ...
Da jedes Pflanzenöl anders ist, empfiehlt es sich, die Eigenschaften der Trägeröle zu kennen. Nicht alle sind gleichermaßen geeignet. Beispiel: Olivenöl hat einen stärkeren Eigengeruch und hinterlässt einen Fettfilm auf der Haut - daher wird es in der Aromatherapie und -praxis eher selten benutzt. Kokosöl hat den Nachteil, dass es bei Temperaturen unter 23 Grad fest ist. Außer, man würde fraktioniertes Kokosöl nehmen - aber dann ist es eben fraktioniert, d. h. wertvolle Inhaltststoffe wurden entfernt.
In der französischen Aromatherapie wird besonders gerne Aprikosenkern- oder Traubenkernöl verwendet (außer, ein anderes Trägermittel ist aufgrund seiner therapeutischen Eigenschaften besser geeignet). Die Gründe dafür - ebenso wie eine Zusammenfassung der wichtigsten Vorteile eines jeden Trägeröls - erfährst du ebenfalls in meinem Buch (o;
Für Duftsprays, Raumsprays oder Kissensprays eignet sich Pflanzenöl natürlich nicht als Verdünnungsmittel - das wäre eine recht fettige Angelegenheit. Hier kann man hochprozentigen Alkohol (z. B. Weingeist) nehmen. Man würde die ätherischen Öle (abgezählt in Tropfen) also zunächst in einen Teil Weingeist geben. Wenn man die ätherischen Öle mit dem Weingeist durch Umrühren oder Schütteln miteinander vermischt hat, kann man noch ungefähr 4-5 Teile destilliertes Wasser oder Hydrolat dazugeben, denn ich finde, dass der Alkoholgehalt im Endprodukt so niedrig wie möglich sein sollte (15 Prozent im Endprodukt sind völlig ausreichend).
Wie stark muss ich ätherische Öle verdünnen?
In der deutschen Richtung der Aromatherapie und -praxis werden ätherische Öle gewöhnlich sehr stark verdünnt: die Konzentration der ätherischen Öle im Fertigprodukt beträgt gewöhnlich nur max. 2 Prozent, bei sensiblen Personen sogar weitaus weniger (0,5 Prozent). So lassen sich unerwünschte Wirkungen vermeiden. Und für Anwendungen im Alltag ist dies meist auch völlig ausreichend und entspricht sogar der Norm: der Anteil an Duftstoffen in Hautpflegeprodukten, die man in einer Drogerie o. ä. kaufen würde, beträgt in der Regel nur um die 1 Prozent.
Daneben kann es aber auch Situationen geben, in denen eine höhere Konzentration ätherischer Öle sinnvoll oder sogar notwendig sein kann - vorausgesetzt, dass die Anwendung sicher ist. Aber: eine hochprozentige Anwendung ätherischer Öle, wie sie in der wissenschaftlichen, medizinischen Aroamtherapie in Frankreich gelehrt wird, ist eben auch genau das, was der Name sagt: medizinisch und Therapie. Es ist also nichts, was man einfach so im Alltag macht. Und es ist nichts, was man mal auf die Schnelle mit einem Youtube Video oder einem Wochenendseminar erlernen könnte - es benötigt ausgiebiges, fundiertes Fachwissen. Neben dem Wissen um die Eigenschaften und Risiken eines jeden ätherischen Öles sind auch gewisse chemische und medizinische Grundkenntnisse erforderlich.